Sachkunde Klasse 3: Landbau

Die Handwerker-Epoche

Es geht beim Erleben der Handwerksberufe weniger darum, dass die Kinder ackern, schreinern oder nähen lernen, sondern vielmehr darum, wie der Mensch durch die Geschicklichkeit und Kraft seines Körpers und seiner Glieder das Leben meistern kann. Das ist ein Thema, das Kinder dieser Alterstufe brennend interessiert. Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen aus dem Erleben der eigenen Fähigkeiten zu schöpfen, dazu sollen die Bilder der verschiedenen Handwerker anregen.

 
Drittklässler beim Pflügen
Die Egge wird untersucht
Kinder bei der Aussaat
Die schwere Walze wird von zwei Kindern gezogen
Die Ernte wird eingebracht
 
Kinder spielen nach der Ernte

Einleitung

Im Verlauf der dritten Klasse an einer Waldorfschule werden die Kinder an existenziell grundlegende Tätigkeiten herangeführt. Wir nennen diesen Sachkundeunterricht der besonderen Art „Land- und Hausbauepochen“. Dazu gehören vor allem die Bearbeitung der Erde zur Nahrungsgewinnung und das Bauen von Behausungen. In diesem Zusammenhang lernen die Kinder auch handwerkliche Tätigkeiten kennen, die damit in Verbindung stehen.

In der Landbauepoche wäre in erster Linie die Arbeit des Bauern zu nennen, der Ackerbau betreibt und Tiere hält, aber natürlich auch der Gärtner, der Gemüse und Obst anbaut. Im weiteren Verlauf sind es dann der Müller, der das Getreide weiter verarbeitet, der Bäcker, der daraus Brot für unsere tägliche Nahrung zubereitet und selbstverständlich auch der Metzger, der Tiere schlachtet, damit wir Fleisch und Wurst essen können.

Beim Hausbau sind es vor allem die Steinmetze, Maurer, Gipser, Zimmerleute, Dachdecker, Glaser und Maler, die das Haus bauen und schön gestalten.

Die Handwerker des täglichen Lebens sind die Schmiede, die aus Metall Werkzeuge, Geräte und Waffen herstellen, die Gerber und Schuster, die Weber, Färber und Schneider, die Schreiner und Tischler.

Es geht beim Erleben der Handwerksberufe weniger darum, dass die Kinder ackern, schreinern oder nähen lernen, sondern vielmehr darum, wie der Mensch durch die Geschicklichkeit und Kraft seines Körpers und seiner Glieder das Leben meistern kann. Das ist ein Thema, das Kinder dieser Alterstufe brennend interessiert. Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen aus dem Erleben der eigenen Fähigkeiten zu schöpfen, dazu sollen die Bilder der verschiedenen Handwerker anregen.

Der Rubikon

Das Alte Testament gehört zum wesentlichen Erzählstoff der dritten Klasse. Die Kinder hören, wie Gott Vater die Welt erschuf und Adam, den ersten Menschen darin einbettete, wie er ihm auftrug, sich den Garten Eden untertan zu machen, alles mit Namen zu benennen und wie er schließlich aus Adams Rippe Eva erschuf.

Das oberste Gebot lautete, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Die Verlockung, es dennoch zu tun, war jedoch übermächtig. Eva und Adam kosteten die Früchte vom Baum der Erkenntnis und wurden sich ihrer selbst bewusst.

Damit hatten sie jedoch das Recht verwirkt, im Paradies zu leben. Die Erkenntnis dessen, was böse und gut, richtig und falsch ist, eröffnete einen neuen Weg: das Leben in der irdischen Existenz. Geburt, Entwicklung und Tod sind fortan das Schicksal des Menschen, im Schweiße seines Angesichts soll er sein Brot essen, der Kampf ums Dasein beginnt.

Auf diesem Weg gibt es kein Zurück, das Tor des Paradieses wird vom Engel bewacht. Aber es gibt auch einen Trost: durch die Erkenntnis des Guten und Bösen wird der Mensch Gott gleich. Im Oberuferer Weihnachtsspiel stellt der Engel sogar die Rückkehr ins Paradies in Aussicht, allerdings werden Adam und Eva dann nicht mehr die selben sein, wie beim Verlassen des Gartens Eden.

Diese mythischen Bilder spiegeln aus waldorfpädagogischer Sicht das Stadium des Entwicklungsprozesses, in dem das Kind sich um das neunte Lebensjahr befindet, wenn es den „Rubikon” überschreitet. Ähnlich wie Cäsar, der den kleinen Fluss Rubikon in Norditalien überschritt, um den Kampf gegen das römische Imperium aufzunehmen, begibt sich das Kind in diesem Lebensalter auf einen neuen, unumkehrbaren Weg, um sich dem Leben zu stellen.

Aus der Sicht der Waldorfpädagogik bekommt das Kind in diesem Lebensalter ein neues Verhältnis zu sich selbst und zur Welt, es staunt, was es alles in der Welt gibt. Es erlebt die Welt und die Dinge darin mit stärkerer innerer Empfindung, es fängt an sich deutlicher in der Welt drinnen zu erleben. Aus diesem Grund soll Naturkundliches an das Kind herangebracht werden. Naturkundliches heißt, das Leben in der Welt wahrnehmen zu lernen und daran aufzuwachen.

Das Pflügen

Rudolf Steiner weist darauf hin, dass der Lehrer den Kindern die Welt „bildhaft-anschaulich“ schildern soll. Das heißt, seine Schilderungen sollen so sein, dass die Kinder lebendige Vorstellungen davon bilden können. Wenn sie dann außerhalb des Klassenzimmers dem begegnen, was der Lehrer erzählt hat, sollten sie es wieder erkennen und begreifen können.

Getreu dieser Vorgabe erarbeiteten wir in der Landbau-Epoche alle wesentlichen Tätigkeiten des Bauern, vom Pflügen und Säen, bis zur Verwertung aller Rohstoffe und der Versorgung der Menschen mit Nahrung. Dann hatten wir das Glück, dass uns eine befreundete Gärtnerei einen kleinen Acker zur Verfügung stellte, der eine Breite von etwa zehn Metern und eine Länge von etwa fünfzig Meter hatte. Die Freie Georgenschule besitzt einen Pflug, der eigens für Kinder angefertigt wurde, sowie eine kleine Egge und eine Walze.

Die Kinder hatten gelernt, dass der Bauer zum Ziehen des Pfluges, der Egge und der Walze die Hilfe von Zugtieren in Anspruch nimmt. Da wir über solche Tiere nicht verfügten, kamen wir sehr schnell darauf, dass wir die Geräte selbst ziehen mussten. Für die Kinder hatte dieser Gedanke jedoch nichts Erschreckendes, im Gegenteil! Sie brannten regelrecht darauf, selbst Pferd oder Stier zu spielen und konnten den Tag des Pflügens kaum erwarten.

Ende Oktober war es dann so weit. An einem sonnigen Samstag Vormittag trafen sich einige Eltern zusammen mit den Kindern der Klasse beim Acker. Pflug, Egge und Walze wurden im Schulbus transportiert. Das Hauptproblem war das Gedränge, das nun einsetzte. Jedes Kind wollte zuerst ziehen. Wir merkten sofort, dass ein oder zwei Kinder nicht im Stande waren, den schweren Pflug zu ziehen, eine Gruppe von acht bis zehn Kindern dagegen schon. Also banden wir ein Bergsteigerseil an den Pflug, versahen es mit dicken Knoten und wählten eine Gruppe Kinder aus. Das zweite Problem bestand darin, dass die Kinder zu leicht und zu schwach waren, um den Pflug in die Erde zu drücken. Hier mussten Erwachsene helfen.

Voller Tatendrang und Übermut legten sich die Kinder ins Zeug. Nachdem jedoch die ersten zwei, drei Furchen gepflügt waren, wurden sie etwas ruhiger. Der Acker schien größer geworden zu sein, ja er schien seltsamerweise mit jeder neuen Furche zu wachsen und die Zeit verging langsamer. Das wurde auch nicht besser, als wir die Gruppen wechselten. Diese Art der Beanspruchung war für die Kinder neu. Sie spürten am eigenen Leib, wie groß und schwer die Erde war und hielten etwas verunsichert inne. Wir hatten zwar im Unterricht gehört, dass die Erde dem Bauern viel Kraft und Mühe abverlangt, aber es am eigenen Leib zu spüren, war doch eine andere Sache.

Der nächste Schritt bestand darin, dass wir uns ein Ziel setzten. Wir legten fest, wie weit wir pflügen wollten, bevor wir Pause machten, um zu vespern. Gemeinsam beschlossen wir, dass es auf jeden Fall mehr als die Hälfte des Ackers sein sollte. Diese Maßnahme verlieh uns ungeahnte Kräfte und ehe wir uns versahen, war der größere Teil des Ackers gepflügt. Ohne viele Worte war uns klar, dass wir jetzt nicht aufgeben wollten, auf keinen Fall! Jetzt, da wir es so weit geschafft hatten, war der Rest ein Kinderspiel – im wahrsten Sinn des Wortes. Die Kinder staunten selbst, welche Reserven sie entfalten konnten und als sie nach getaner Arbeit auf den vollständig gepflügten Acker blickten, waren sie von Stolz erfüllt. Sie hatten sich an echte Erwachsenenarbeit gewagt und die Probe bestanden! Das nun folgende Vesper schmeckte so gut, wie nie zuvor.

Das Eggen

Im Vergleich zum Pflügen war das Eggen eine Kleinigkeit, ja, es artete zunehmend in ein Spiel aus. Die Egge selbst war nämlich zu leicht, um die umgepflügten Erdschollen aufzureißen und zu zerkleinern. Als wir überlegten, wie wir dieses Problem beheben konnten, kam die Erleuchtung ziemlich rasch: ein Kind musste sich auf die Egge setzen, während die anderen zogen. Die Assoziation zum Wellenreiten lag greifbar nahe und die Kinder rissen sich regelrecht darum, auf der Egge zu sitzen und über den Acker zu surfen, aber auch darum, sie aus Leibeskräften und schnell zu ziehen. Die Strapazen des Pflügens waren für den Augenblick vollkommen vergessen. Diejenigen, die aus Platzgründen nicht beteiligt sein konnten, jubelten und feuerten die Mannschaften an. Im Handumdrehen war der ganze Acker krümelig fein geegt.

Das Säen

Was nun folgte, war absolut wunderbar. Ich hatte eine Tüte Weizenkörner mitgebracht – etwa drei bis vier Kilogramm. Die Kinder fassten den Saum ihrer Pullis, Tshirts oder Sweatshirts und hielten ihn nach oben, so dass eine kleine Kuhle oder Tasche entstand. Da hinein gab ich jedem Kind zwei, drei Hände voller Samenkörner. Dann stellten wir uns an der Längsseite des Feldes in einer Reihe auf und gingen langsam quer über den Acker, wobei wir die Körner sorgfältig ausstreuten, so dass sie nicht zu dicht fielen. Ich habe selten Kinder mit solcher Aufmerksamkeit und Andacht eine Arbeit ausführen sehen wie diese. Manche bückten sich gar, um einzelne Körnlein, die zu weit oben lagen, auch in der richtigen Weise zu versorgen. Die Ehrfurcht vor der Erde, aber auch Neugier und inniges Interesse waren mit Händen zu greifen. Das war sicher nicht zuletzt der schweren Vorarbeit zu verdanken, welche die Kinder hatten leisten müssen.

Nochmals eggen und dann walzen

Damit die Körner alle richtig in die Erde eingearbeitet wurden, mussten wir nochmals mit der Egge darüber gehen. Wieder war es ein Heidenspaß. anschließend musste die schwere Eisenwalze über das geeggte Feld gezogen werden, damit das Erdreich gefestigt wurde und die Vögel, die schon hungrig warteten, nicht so leichtes Spiel haben sollten.

Die Walze war so schwer, dass ein Kind sie alleine kaum bewegen konnte. Also gesellten sich immer zwei zusammen und begannen zu ziehen. Da alle mitmachen wollten, wurde der Acker eben mehrmals komplett gewalzt.

Als diese Arbeit beendet war, gab es nichts mehr zu tun. Wir wussten, dass wir etwa neun Monate warten musste, bis unsere Saat gereift sein würde. Die Kinder widmeten sich rasch allerlei Spielen im Gelände, so, als sei nichts gewesen. Sie hatten vier Stunden hart gearbeitet und jetzt das! Nur die Erwachsenen saßen müde im Gras und ruhten sich aus.

Am darauf folgenden Montag erfuhr ich allerdings, dass die Müdigkeit bei den Kindern zugeschlagen hatte, als sie zu Hause waren. Fast ausnahmslos gingen sie früher zu Bett und schliefen wie die Steine.

Da der Acker ziemlich weit von unserer Schule entfernt lag, war es schwierig, mit der Klasse ständig hinzufahren, um nach den Pflanzen zu sehen. Also grub ich im März ein winziges Pflänzchen aus, setzte es in einen Blumentopf und nahm es mit ins Klassenzimmer. Dort wuchs es auf dem Fensterbrett und zeigte uns, wie es seinen Geschwistern auf dem Acker ging.

Die Ernte

Kurz vor den Sommerferien, an einem sonnigen Samstag Vormittag, trafen sich Eltern und Schüler beim Acker. Wir konnten nicht länger warten, weil Regen vorausgesagt worden war und die Schulzeit zu Ende ging. Die Kinder waren mit Garten- und Baumscheren ausgerüstet, weil uns Sicheln und Sensen zu gefährlich waren. Ein Teil des Weizens war noch etwas grün, der größere Teil war fast reif.

Wir hatten zwei Anhänger dabei und machten uns sofort an die Arbeit. In etwa 45 Minuten war der Acker abgeerntet und die Hänger beladen. Nachdem wir gevespert und eine Weile gespielt hatten, machten wir uns auf den Heimweg.

Die Frage war nun: wohin mit der Ernte? Das Ende des Schuljahres stand kurz bevor und der Weizen war noch nicht trocken genug zum Dreschen. Zudem gab es an der Schule keinen geeigneten Platz um das Getreide zu lagern und trocknen zu lassen.

Daher nahmen die Kinder einen Teil der Ernte mit nach Hause, um dort die Körner aus den Ähren zu gewinnen. Ich regte an, dass sie die Körner in alten Kurbelkaffeemühlen mahlen oder sie zwischen Steinen zerquetschen sollten, wie in alten Zeiten. Gemischt mit Wasser und etwas Salz könnte man dann in der Bratpfanne oder im Backofen kleine Fladenbrote backen. Schön wäre es natürlich gewesen, die gesamte Ernte zu dreschen und dann gemeinsam in der Schule Brot zu backen – leider war das nicht möglich.

Der Rest der Ernte, den die Kinder nicht mitnehmen konnten, ging an ein Altenheim. Die Altenheimbewohner in der Beschäftigungstherapie waren entzückt, als sie hörten, woher das Getreide stammte. Der Boden des Raumes war bedeckt mit unserem Getreide und dazwischen saßen die alten Herrschaften, träumten von ihrer Kindheit und Jugendzeit und wanden Ährenkränze, die zusammen mit Ährensträußen im ganzen Altenheim verteilt wurden.

Bernd Kettel